Systemische Perspektiven in der Krise

Systemische Perspektiven in der Krise
20. März 2020

Strategische und individuelle Herausforderung in der Krise:
Was halten systemische Perspektiven für unsere Zusammenarbeit in turbulenten Zeiten bereit?

Die global organisierte Welt ist vor eine Herausforderung gestellt, die größer zu sein scheint, als emotional vorstellbar. Der Umgang mit COVID-19 ist in diesen Tagen zu einem Stresstest für unsere Gesellschaft, unsere Arbeit, unser Privates und für jeden Einzelnen geworden. Der Virus und unsere Antworten darauf bringen unseren Rhythmus erheblich durcheinander und rufen entsprechend Verunsicherung und Ratlosigkeit, manchmal Angst, hervor.

Physisch rücken wir auseinander – das klingt unsozial, erfolgt jedoch paradoxerweise aus Solidarität, weil wir uns mit der Menschheit verbunden fühlen. Denn während sich viele ins isolierte Homeoffice oder in die Trennung nach Gruppe A oder B begeben, erleben wir auch positive und zuversichtliche Emotionen und Auswirkungen in unserem Umfeld.

Unsere systemische Grundhaltung, mit der wir Organisationen begleiten, Einzelne und ihre Teams stärken, basiert auf einer lösungsorientierten Vorgehensweise. Das Schwere anerkennen und die Handlungen auf dieser Basis dann leichter machen. Die Möglichkeiten anschauen und das Potenzial nutzen, das bereits im System liegt.

Daher möchten wir euch einladen, auf eine Entdeckungsreise zu gehen mit interessiertem Blick auf das aktuelle Geschehen. Schaut auf die pragmatischen Ideen, die sich rasch zeigen. Achtet darauf und heißt sie als Führungskraft oder Kollegin und Kollege willkommen. Bleibt gespannt auf das, was ihr miteinander feststellt und erfahrt. Es ist Zeit für “Selbst-Gestaltungskompetenz”. Und bleibt offen für die Lösungen, die ihr zu den folgenden Herausforderungen miteinander und einzeln findet. Vielleicht könnte es ja sein, dass sich manche Dinge in unserem (beruflichen) Leben in eine Richtung verändern, in die sie sich sowieso verändern wollten.

#Komplexität verringern
Mit der gesteigerten Intensität und Menge an Informationen, die momentan auf uns einprasseln, sollten wir versuchen, uns in der Wahrnehmung auf das Wesentliche zu fokussieren. So beobachtet ihr alle das sicherlich verstärkt auch in der Arbeitskommunikation. Manchmal bedarf es einen Schritt zurück, bevor wir später gleich zwei Schritte voran gehen können. Die Entschleunigung könnte zunächst eine Reduktion unserer Arbeitskraft durch die Umstellung aller Beteiligten implizieren. Trotzdem müssen Entscheidungen – insbesondere vom Management – schnell und dabei strategisch getroffen werden. Langfristig könnte das Bremspedal auch nachhaltig für uns wirksam werden, und zwar individuell und für unsere Unternehmen. Wie häufig beklagen wir die Geschwindigkeit unseres Arbeitslebens, weil wir das Gefühl haben, den Überblick zu verlieren? Nun geht es zwangsläufig langsamer und wir können uns äußerlich und innerlich ordnen und ruhig werden. Zukünftig werdet ihr entdecken, wie ihr Distanz anders lebt und das Miteinander qualitativer gestaltet. Die Welt und ihr in dieser Welt gewinnt an Stabilität, wenn ihr die Chance ergreift, euch neu auszubalancieren, in Verbundenheit und Autonomie.

#Vernetzung
Da viele von euch in den letzten Tagen ins Homeoffice gegangen sind, findet momentan auf sämtlichen Ebenen eine neue Art der Vernetzung statt. Meist ist diese digital. Und das können wir doch mittlerweile ganz gut!

Für ein Miteinander, für Begegnung und Kontakt, in Gegenwart der Pandemie, vor allem für eine neue Verbundenheit im Team entstehen bereits kreative Lösungen und solidarische, gemeinschaftliche Ideen. Vernetzung in Systemen kann den Halt und die Struktur geben, in der wir uns aufgefangen fühlen. Daher steckt insbesondere in der digitalen Vernetzung von Teams die Chance, ungewöhnliche Wege zu gehen, um miteinander in Kontakt zu sein. Wir werden rückblickend erstaunt sein, wie die soziale Distanz in der Krise mehr neue Nähe als tatsächliche Vereinsamung bewirken konnte.

#Fokus
“Out of office” aber nicht “out of order”: Zuhause finden wir zum Teil sehr andere Grundbedingungen zum Arbeiten vor – von räumlich und technisch bis hin zum gemeinschaftlichen Zusammenleben und der familiären Situation. Ihr werdet euch selbst überraschen, wenn ihr beobachtet, was euch gelingt und euch unterstützt, konzentriert zu arbeiten, neu auszurichten, zu sortieren und Themen zu priorisieren. Im IOS lernen wir momentan ebenso selbst an der Situation, sind beispielsweise inmitten eines Teamentwicklungsprozesses und plötzlich auf selbstorganisierte Arbeitsgestaltung außerhalb des Büros mit digitalen Mitteln angewiesen. Das sind die Themen, die wir täglich mit unseren Kund*innen durchlaufen. Alle Maßnahmen werden jetzt mit Augenmaß und Klarheit in Bezug auf die wirklich wichtigen Themen vorgenommen. So könnt ihr diese Chance annehmen, euch auf den Kern zu besinnen, den Kurs neu auszurichten, im Miteinander und in unternehmerischen und langfristigen Zielen. Es ist doch erstaunlich, nach dem Chaos und Kontrollverlust wieder eine lebendige innere Kraft spüren zu können, die unseren Fokus neu setzt und für die Zukunft wappnet. Das könnt ihr ausprobieren. Denn es könnte auch nach vorne losgehen!

#Selbstorganisation & Anpassung
Soziale Systeme sind durch die sogenannte autopoietische Organisation der sie erzeugenden und erhaltenden Prozesse gekennzeichnet. Der Neurobiologe Humberto Maturana betont damit die große Besonderheit von lebenden Systemen, sich als sich selbst erzeugende Systeme zu begreifen, die ihre eigenen Grenzen bestimmen und aufbauen. Selbsterzeugung entsteht immer dann, wenn Netzwerke aus Gedanken und Gefühlen wiederum andere Gedanken und Gefühle hervorbringen und an sie anschließen. Um Zugang zu dem, was ein anderer fühlt und denkt, zu erhalten, kommunizieren wir. Aktuell probieren wir uns aus, in der Art wie wir kommunizieren, behutsam miteinander umzugehen und Kommunikation gezielter einzusetzen. Wir erkennen jetzt mehr denn je, dass ‚Organisationen‘ aus den Menschen bestehen, die innerhalb eines Systems ‚Arbeit‘ agieren, um gemeinsam einen Sinn zu erfüllen, Produkte oder Services entwickeln und so Wertschöpfung kreieren. Dies gestalten wir bereits unabhängig von dem physischen Ort, der uns normalerweise einen vertrauten Rahmen bietet. Unsere Organisationen bleiben dennoch bestehen, auch wenn sich ihre Einheiten und ihre Produktivität auf Arbeitsplätze zuhause verteilen. Wenn ihr also nicht stillstehen wollt (und auch nicht könnt), so könnt ihr doch umso mehr aktiv werden und weiterhin gestalten. Bleibt aufmerksam für die Kompetenz in euch selbst und in eurem Team, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren und nutzbar zu machen.

#Perspektivwechsel
Systemisch zu arbeiten bedeutet vor allem immer wieder, Perspektiven zu erkennen und diese wechseln zu können. Wenn Virginia Satir vorschlägt, “in den Mokassins des anderen zu laufen”, spricht die Familientherapeutin vor allem davon, sich in veränderte Situationen und in unser Gegenüber einzufühlen und das Laufen gewissermaßen zu testen. Probieren wir diesen Switch neugierig und auch mutig aus, entstehen daraus vermutlich interessante Perspektiven, die vorher nicht sichtbar waren. In eurem virtuell agierenden Team mag es bedeutsam werden, diese Perspektiven anzuerkennen und jeden mitzunehmen. Auch ist die veränderte Ausgangssituation an sich, für jeden Einzelnen, ein Perspektivwechsel. Und es könnte eine Gelegenheit sein, die Mokassins einmal anzuprobieren und aufmerksam für das “Andere” zu werden. Die Krise wird sicherlich genau dann ihre Wirkung entfalten, wenn sich alte Phänomene und Perspektiven auflösen und etwas Neues entstehen darf.

#Struktur von Teams als Systeme
Psychische und soziale Systeme sind nicht simpel, sie sind gewissermaßen nicht bestimmbar oder vorhersagbar, sondern stehen immer in wechselseitiger Beeinflussung mit verschiedenen Umwelten. Diese Dynamik fordert uns, das System, heraus, mit der Komplexität umzugehen. Genauso sind wir seit COVID-19 vor anspruchsvolle Anforderungen im privaten und beruflichen Kontext gestellt. Das Gute daran: diese regulativen Systeme sind durchaus lern- und entwicklungsfähig und integrieren alles Neue in die Struktur, die es im System bereits gibt. Denken wir an diese systemische Lern- und Anpassungsfähigkeit, fällt schnell auf, dass wir durchaus Vertrauen haben können in die Selbstorganisation unseres Systems, unserer Arbeit und unseres Teams. Haben wir erst einmal einen Plan vereinbart, möglicherweise feste, digitale Teammeetings und Zeiten vereinbart und uns Aufgaben konkret zugeteilt, können wir von dort loslaufen, und schauen, was auf dem weiteren Weg möglich wird.

Die kommende Zeit birgt selbstverständlich ernsthafte Herausforderungen, die uns allen bereits bekannt sind oder die sich bald äußern werden. Wenn wir das nehmen, was schon da ist und uns mit dieser Ausstattung mutig und fokussiert auf den Weg machen, können wir auf einmal neue Wege kennenlernen. Die Krise ist eure Chance, dies auszuprobieren. Neben der Zeit für Pandemie-Compliance ist es auch Zeit für Entdeckung. Bleibt gespannt auf euch. Akzeptiert den Teil, den man nicht ändern kann und werdet kreativ in dem Teil, der sich gestalten lässt.

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“
(Friedrich Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“)

von Laura Vormann

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